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Viele Vertriebler und Visionäre des E-Recruitings predigen
tagtäglich, wie einfach doch die Rekrutierung heute ist.
Ein Unternehmen hat eine Vakanz, schreibt diese auf einem
Onlinestellenmarkt aus und bekommt innerhalb von Stunden eine
qualifizierte Bewerbung. Dieser Kandidat wird dann innerhalb
von Tagen zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen und
bekommt via E-Mail, nach einer internen Besprechung, den Vertrag
zugeschickt. So sollte eigentlich ein Rekrutierungsprozess
nicht mehr als 7 Tage dauern. Doch wie sieht die Wirklichkeit
aus? Unabhängige Studien sucht man vergebens. Hier ist
nun mein eigener Erfahrungswert, erarbeitet aus der persönlichen
Situation heraus, da ich im Juni 2003 eine neue Herausforderung
suchte.
| Die ersten Schritte zur E-Mail-Bewerbung
Wie sahen nun meine Schritte aus? Die Zusammenstellung
der Bewerbungsunterlagen muss sehr sorgfältig erfolgen.
Rechtschreibfehler, besonders diese aus fahrlässigkeit,
dürfen in einer Bewerbungsunterlage nicht enthalten
sein. Dies gilt eigentlich auch für die Absagen,
dazu komme ich später. Als Verfechter des E-Recruitings
halte ich für mich selbst die E-Mail-Bewerbung
als das einzig relevante. So begann ich mit der Ausarbeitung.
Der Lebenslauf, nun nach Standard des eCV (European
Curriculum Vitae), wurde erarbeitet. Ich habe diesen,
zusammen mit den Abschlusszeugnissen meiner letzten
4 Arbeitgeber, in ein PDF-Dokument eingefügt, dass
eine Datengröße von 330 KB hat. Das lädt
sich recht schnell und übersteigt auch nicht die
empfohlene Maximalgröße von 1 MB. Wichtig
ist auch die Überprüfung. Drucken Sie die
kompletten Unterlagen aus, bitten Sie auch Freunde mal
auf einem anderen Drucker die Dateien auszudrucken und
stellen Sie sicher, dass Ihre eigene Erwartung nicht
untertroffen wird.
Dann kommen wir zur Ausarbeitung eines Anschreibens.
Warum
wollen Sie wechseln?
Warum
zu diesem Unternehmen?
Was
können Sie?
Warum
muss man Sie einfach haben wollen?
Es gibt viele Webseiten, die vernünftige Vorschläge
für eine stilvolle Formulierung geben. Schreiben
Sie jedoch mehr aus Ihrer Feder und in Ihrem Gusto.
Ein Anschreiben, das sich während des Vorstellungsgesprächs
als nicht authentisch erweist, ist Ihr Ausschluss aus
dem Prozess. |
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Ich
schreibe die eigentliche Bewerbung (das Anschreiben) in die
E-Mail hinein und hänge das PDF als Attachment an. Die
Betreffzeile ist überaus wichtig. Der Empfänger:
Unterlassen Sie E-Mails an allgemeine Adressen wie kontakt@,
info@ etc., außer, es ist diese E-Mail-Adresse explizit
in der Stellenbeschreibung erwähnt!
Manche E-Mail-Programme haben den Fehler, dass Sie hineinkopierten
Text falsch umbrechen. Wenn Ihre E-Mail-Bewerbung im Postausgang
ist, dann ziehen Sie diese wieder zurück in den Ordner
Posteingang und korrigieren Sie die Zeilenumbrüche. Nichts
ist schlimmer, als eine unlesbare E-Mail. Das gilt natürlich
auch für Absagen, zu denen komme ich später noch.
So. Abschicken und archivieren. So bekommt der Empfänger
gleich eine gute Übersicht. Archivieren Sie ebenfalls
die Stellenanzeige, auf die Sie sich beworben haben. Nichts
ist peinlicher, als der Untergang wichtiger Informationen,
wenn Sie nach einigen Wochen zum Vorstellungsgespräch
eingeladen werden. Tipp: Abspeichern der Stellenanzeige!
Um mal die Brücke zu schlagen zum Korrespondenzmanagement
der Unternehmen: Alle Unternehmen erwarten von den Bewerbern
sorgfältig zusammengestellte Unterlagen, auch wenn diese
elektronisch eingehen. Doch gerade hier ist der Schlendrian
in Person am Werk und es wird geschludert bis der Arzt kommt.
Die Zwischenmeldungen sind teilweise mit Wochen Verspätung
im Posteingang. Im übelsten Fall erreicht den E-Mail-Bewerber
die Unternehmensnachricht mit der gelben Post. Ein Medienbruch,
der nicht sein sollte und nicht sein muss.
Standardtexte, wie z. B. "vielen Dank für
Ihre Bewerbung und Ihr damit verbundenes Interesse an einer
Mitarbeit in unserem Hause. Ihre Unterlagen werden von der
Personalabteilung und der Fachabteilung eingehend geprüft.
Wir bitten Sie daher um etwas Geduld und werden uns wieder
mit Ihnen in Verbindung setzen." können automatisch
und mit einigen Stunden Zeitverzögerung jeden Bewerber
zumindest vorerst glücklich machen.

Ich habe für meinen Bewerbungsprozess (283 qualifizierte
Bewerbungen auf offene Positionen) eine kleine Datenbank
angelegt (Excel-Tabelle reicht natürlich auch aus), um
die Feedbackzeiten der Unternehmen zu notieren. Manche Unternehmen
halten es gar nicht für nötig sich zu melden.
Ich vermerkte die Eingangsbestätigung, die bei meinen
Bewerbungen doch zum größten Teil innerhalb weniger
Tage eintraf, und die Absagen bzw. Vorstellungsgespräche.
Zur Vorbereitung auf die Vorstellungsgespräche nutze
ich die Website des Unternehmens, Marktrecherche und die Angaben
aus der Stellenanzeige.
Statistik der Bewerbungen: Bei 283 Bewerbungen erhielt
ich 228 Eingangsbestätigungen, 22 Vorstellungsgespräche
und 176 Absagen. Bei einem großen Teil der Unternehmen
scheine ich mit meiner Bewerbung einfach untergangen zu sein.
Unternehmen wie Klarpac antworten nicht einmal auf eine freundliche
und höfliche Nachfrage über den aktuellen Stand
des Prozesses, was meine Entscheidung für (oder gegen)
das Unternehmen natürlich vehement erleichtert.

Absagen der Unternehmen
Absolut erschreckend sind allerdings die Absagen, die motivierte
Kandidaten erreichen. Eigentlich fehlen mir die richtigen
Adjektive, um diese zu beschreiben. Beschämend ist da
eigentlich noch gelobt.
Dass man eine Absage erhält. ist nicht ungewöhnlich
und darf einem auch nicht so zu Herzen gehen. Doch mit jeder
Absage verbindet man ja auch die Chance, sich selbst zu verbessern
und etwas zu lernen. Erst auf Nachfrage hin erwiderten mir
einige Unternehmen die Gründe für die Absage, die
mir dann auch plausibel waren. Doch Standardtexte wie dieser
hier, den nebenbei bemerkt auch noch kein Rechtschreibprogramm
gesehen hat, sind wenig aufschlussreich über die Gründe
der Absage. Also nachfragen ist von Vorteil! Man möchte
schließlich wissen, woran es haperte.
Vorbildliche Absagen bekam ich auch und möchte diese
Ihnen nicht vorenthalten:
So fühlt man sich doch gleich gutinformiert, warum man
leider nicht der Kandidat ist. Und dass man gefallen hat,
ist ebenfalls nett. Solcherlei Schreiben bekommt man allerdings
nur aus bestimmten Branchen, wie ich jetzt mal behaupten möchte,
hier aus dem Bereich der Werbeagenturen. Eine Absage ist natürlich
nicht schön, doch die Art und Weise der Absage macht
den Unterschied.
Doch nun kommen wir zur wichtigen Frage: Gibt es ein
Patentrezept für den Bewerbungsprozess? Ich möchte
meinen - nein! Es gibt allerdings viele gute Ansätze,
die man verfolgen sollte. Bei doch den vielen Angeboten ergeben
sich nur einige Positionen, die man sehr gerne besetzen möchte.
Die telefonische Kontaktaufnahme im Voraus setzt schon mal
einen wichtigen Punkt. Dann eine Bewerbung, mit der Sie sich
auf das Telefongespräch beziehen und die 4 Ws berücksichtigen
(Warum wollen Sie wechseln? Warum zu diesem
Unternehmen? Was können Sie? Warum muss
man Sie einfach haben wollen?). Erst wenn Sie es schaffen
mit Ihrem Anschreiben einen Personaler so neugierig zu machen,
dass er sich mehr Zeit nimmt als 3 Minuten, dann erst haben
Sie eine realistische Chance in die Vorauswahl zu gelangen!
Ich wünsche Ihnen viel Erfolg dabei!
Ihr Marcus Reif | www.reif.org | Juni 2003
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